Leipziger WissensSpuren

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235 Jahre Frauenrechte
Von zarten Anfängen zu ersten Erfolgen.
Porträt von Olympes de Gouges (1748–1793) von Alexander Kucharsky (1741–1819). Public domain, via Wikimedia Commons.
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Vor 235 Jahren verfasste die Autorin und politische Aktivistin Olympe de Gouges die Déclaration des droits de la Femme et de la Citoyenne (Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin), und es brauchte dann fast 200 Jahre, um sie in Westeuropa zu implementieren. In unserem Spaziergang zum Internationalen Frauentag verfolgten wir den langen Weg zu ihrer Verabschiedung, wir gingen auf eine Spurensuche nach den wichtigen Beiträgen widerständiger Leipziger Frauen — und wir tauschen uns darüber aus, wo wir heute stehen.

Unsere Route zum Frauentag. Erstellt mit  [bikerouter.de](https://bikerouter.de/#map=16/51.3283/12.4027/standard&lonlats=12.397352,51.320364;12.402867,51.325079;12.40202,51.327903;12.399788,51.33222;12.403479,51.334157;12.392471,51.334518;12.385055,51.335976;12.381796,51.337007;12.380079,51.339044;12.377762,51.337734;12.374393,51.337972;12.374425,51.337999&profile=hiking-beta).

Unsere Route zum Frauentag. Erstellt mit bikerouter.de.

Zu Beginn verlasen wir die von Olympe de Gouges verfasste Deklaration der Frauenrechte, mit der zentralen Forderung nach dem aktiven und passiven Wahlrecht für Frauen,

VI. Das Gesetz muss Ausdruck des Gemeinwillens sein; alle Bürgerinnen und Bürger müssen persönlich oder durch ihre Repräsentanten an der Gesetzgebung mitwirken; es muss dasselbe für alle sein: Alle Bürgerinnen und alle Bürger, die in seinen Augen gleich sind, müssen gleichermaßen entsprechend ihren Fähigkeiten und ohne anderen Unterschied als den ihrer Tugenden und Begabungen zu allen Würden, Stellen und öffentlichen Ämtern zugelassen sein.
— In: Die Rechte der Frau, 14. September 1791

Wir zeigten auf, welchen unmittelbaren Einfluss sie auf selbstbewusste junge Frauen aus begüterten Häusern hatte. Viele kommentierten ihre Lebensumstände durch literarische Werke. Einige verschrieben sich der wissenschaftlichen Forschung. Die wissenschaftlichen Entdeckungen der meisten wurden jedoch gar nicht, oder nur unzureichend gewürdigt.

Einführung zu Frauen, die zu Beginn des 19. Jahrhundert ein eigenständiges Leben führten und bedeutendes in der Literatur und Wissenschaft leisteten: Olympe de Gouges, Jane Austen, Lady Byron, George Sand, Sofya Kovalevskaya und Ada Lovelace. Foto oben: Team WissensSpuren.

Einführung zu Frauen, die zu Beginn des 19. Jahrhundert ein eigenständiges Leben führten und bedeutendes in der Literatur und Wissenschaft leisteten: Olympe de Gouges, Jane Austen, Lady Byron, George Sand, Sofya Kovalevskaya und Ada Lovelace. Foto oben: Team WissensSpuren.

Im Anschluss führte uns Juliane Rudolph durch die von ihr konzipierte Sonderausstellung Frauen und Mädchen in der Wissenschaft. Mit sehr viel Herzblut hat sie die Geschichten hinter ganz entscheidenden wissenschaftlichen Entdeckungen nachgezeichnet, die von Frauen initiiert wurden und für die sie vielfach bis heute nicht gewürdigt werden.

Fotos: Team WissensSpuren.

Fotos: Team WissensSpuren.

Den Ausschlag darüber, wessen Erkenntnisse und Beiträge gesehen und gewürdigt werden, hängt entscheidend von der öffentlichen Wahrnehmung ab. Von daher spürten wir im ersten Teil unseres Rundgangs der Frage nach, für wen das in besonderem Maße gilt:

  • Personen am unteren Rand der Gesellschaft, die von Armut betroffen sind,
  • Personen mit psychischen Problemen,
  • Personen mit mentalen oder körperlichen Beeinträchtigungen,
  • Mitglieder religiöser oder ethnischer Minderheiten,
  • sozial unangepasste Personen, insbesondere wenn sie nicht männlich sind.

Vielfach werden diese Personen auch heute noch sozial ausgegrenzt.
In vielen Ländern werden sie politisch verfolgt.

Austausch an der Gedenkstätte [Riebeckstraße 63](https://riebeckstrasse63.de/der-ort/), der ehemaligen Kinderklinik der Universität und im Lene-Voigt Park. Fotos: Team WissensSpuren.

Austausch an der Gedenkstätte Riebeckstraße 63, der ehemaligen Kinderklinik der Universität und im Lene-Voigt Park. Fotos: Team WissensSpuren.

Im 19. Jahrhundert fand sich in Leipzig eine Gruppe von Aktivistinnen, die dem etwas entgegen setzen wollten.

Louise Otto-Peters wurde am 26. März 1819 in Meißen geboren und sie unterhielt schon früh enge Beziehungen zu Leipzig. Von 1860 bis zu ihrem Tode 1895 lebte sie in Leipzig. Prägend für ihr Leben war, dass sie nur bis zum Alter von 15 Jahren die Schule besuchen konnte. Anschließend musste sie sich autodidaktisch weiter bilden. Als Schriftstellerin und politische Aktivistin erkämpfte sie sich dennoch die Freiräume für ein unabhängiges Leben. Zentrale Leitmotive ihres Aktivismus war die Erkenntnis,

“[…] die Geschichte aller Zeiten hat es gelehrt und die heutige ganz besonders, daß diejenigen, welche selbst an ihre Rechte zu denken vergessen, auch vergessen wurden.”
— In: Adresse eines Mädchens, 1848

mit der daraus resultierende Forderung Frauen in politische Kommissionen und Funktionen zu berufen

„Meine Herren! Im Namen der Moralität, im Namen des Vaterlandes, im Namen der Humanität fordere ich Sie auf: Vergessen Sie bei der Organisation der Arbeit die Frauen nicht!“
— In: offener Brief an den Innenminister des Königreichs Sachsen, Martin Gotthard Oberländer, 20. Mai 1848

Im anschließenden persönlichen Gespräch mit dem Innenminister setzte sich Louise Otto-Peters dafür ein, in einer zu besetzende Arbeiterkommission auch Frauen zu benennen, und sie verlangte ein Recht auf Kinderbetreuung.

Henriette Goldschmidt wurde am 23. November 1825 in Krotoszyn/Posen geboren. Auch sie konnte nur bis zum 14. Lebensjahr die Schule besuchen und bildete sich anschließend autodidaktisch weiter. Schon im Grundschulalter kam sie in Kontakt mit freiwilliger Sozialarbeit. Im Jahre 1858 wurde ihr Ehemann nach Leipzig zum Rabbiner berufen. Das Ehepaar engagierte sich in der Gesellschaft für Volksbildung, und Heriette Goldschmidt setzte sich besonders für die Bildung von Frauen ein. Zuerst errichtete Sie Kindergärten basierend auf den Prinzipien der Fröbel Pädagogik, dann eine Ausbildungsstätte für Erzieherinnen, gefolgt von einer Schule zur Vorbereitung von jungen Frauen auf das Abitur, und schließlich, mit 86 Jahren, noch ein Hochschule für Frauen. Eines ihrer Herzensanliegen war die Bildung von Frauen auf Hochschulniveau

„Der Erziehungsberuf ist der Kulturberuf der Frau. Er verlangt Wissenschaft und Kunst, das Kennen und Können.“
— vielfach, und ohne Quellenangabe zitiert

so dass sie ihren Teil zur Entwicklung unserer Gesellschaft leisten können,

„Sind unsere Zustände aber wirklich so paradiesische, daß ein großer Theil der Menschen feiern kann? Sind unsere Armen gekleidet, genährt, unterrichtet? Haben alle Kranken Pflege und Unterkommen?“
— In: Zwei Vorträge gehalten bei der Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Frauenverein am 19. und 20. September 1868 im Rathhaussaale zu Braunschweig von Auguste Schmidt und Henriette Goldschmidt.

Porträts der *Führerinnen der Frauenbewegung in Deutschland* aus [Die Gartenlaube (1883)](https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Die_Gartenlaube_1883_721.jpg), und Fotos: Team WissensSpuren.

Im Uhrzeigersinn: Porträts der Führerinnen der Frauenbewegung in Deutschland aus Die Gartenlaube (1883), Ausführungen zu Otto-Peters vor dem Haus des Buches, die Henriette-Goldschmidt Schule, und die Demo zum Frauentag auf dem Augustusplatz. Fotos: Team WissensSpuren.

Auguste Schmidt wurde am 3. August 1833 in Breslau geboren. Ihr war es beschieden, dass sie nach der Schule am Posener Lehrerinnenseminar Geschichte und Literatur studieren und sich später zur staatlich geprüften Schulvorsteherin weiterbilden konnte. Im Jahr 1861 zug sie nach Leipzig, wo sie angesehene private Mädchenschulen leitete.

Sie war bekannt für ihr feines Gespür für die Beiträge und Bedürfnisse ihrer Mitmenschen

„Auguste Schmidt dankte selbst ihrer Dienerin für alles, was dieselbe ihr that. ‚Denn‘ so sagte sie oft, ‚durch deren Thätigkeit werde ich ja erst in den Stand gesetzt, mich geistiger Arbeit zu widmen.‘“ ‐ In: Rosalie Büttner 1902, zitiert in Thurm, Heiner, 10.6.2022: Zum 120. Todestag von Auguste Schmidt (3. August 1833 – 10. Juni 1902): Preußische Offizierstochter – begnadete Lehrerin – kongeniale Frauenpolitikerin

1865 gründeten Otto-Peters, Goldschmidt und Schmidt mit einigen Mitstreiterinnen den Leipziger Frauenbildungsverein und sie beriefen die erste deutsche Frauenkonferenz nach Leipzig. Auf dieser Konferenz wurde der Allgemeine Deutsche Frauenverein (ADF) gegründet, als maßgebliche Frauenrechtsorganisation im Deutschen Reich. Das Ziel des Vereins war die Durchsetzung der von Olympe de Gouges geforderten Rechte für das Deutsche Reich, und im engen Austausch mit Schwesterorganisationen in anderen westlichen Ländern:

  • Recht der Frauen auf Bildung
  • Recht auf Erwerbsarbeit für Frauen
  • Recht auf den Zugang zu Hochschulstudiengängen
  • Recht auf politische Teilhabe

Arbeiterinnen waren für diese Frauen aus wohlhabenden Familien nicht mehr eine Zielgruppe für karitatives und pädagogisches Wirken, sondern eine Personengruppe, die als Mitstreiterinnen für Frauenrechte gewonnen werden sollte,

„Auguste […] wies auf der ersten deutschen Frauenkonferenz […] in weiser Voraussicht darauf hin, daß die Frauenbewegung nicht so sehr den Widerstand egoistischer Männer als vielmehr die Teilnahmslosigkeit derjenigen Frauen fürchten müsse, die sich in dem Zustand ewiger Kindheit und Unterordnung glücklich und zufrieden fühlten. Das Problem der Frauen liege vor allem im Nichterkennen der eigenen Situation.“
— In: Weiland, Daniela: Geschichte der Frauenemanzipation in Deutschland und Österreich. Biographien, Programme, Organisationen. Hermes Handlexikon, Düsseldorf 1983, S. 244.

Fotos: Team WissensSpuren.

Außen: Fotos vom Team WissensSpuren. Mitte: Ausschnitt eines Fotos von August und Julie Bebel.

Erste Erfolge der Bildungsarbeit beleuchteten wir an den Lebensgeschichten von drei Frauen:

Lene Voigt wurde am 2. Mai 1891 in Leipzig geboren. Sie wurde an der Henriette-Goldschmidt-Schule zur Erzieherin ausgebildet, arbeitete in Leipzig bei unterschiedlichen Verlagen und machte sich einen Namen als sächsische Mundartdichterin. Mit dem Motto

„Doch jedes Bein, das mir geschtellt, das bracht mich weiter uff dr Welt.“
— aus dem Gedicht "„Nu grade“, in: „Mir Sachsen" II“, 1928

kämpfte sich durch die Höhen und tiefen ihres Lebens.

Julie Bebel wurde am 2. September 1843 in Leipzig geboren. Sie besuchte in Leipzig die Volksschule, machte dann eine Ausbildung zur Putzmacherin und 1863 wurde sie die Ehefrau von August Bebel. Während seiner Haft als Führer der deutschen Sozialdemokraten, vertrat sie ihn bei der Leitung ihrer Firma, sie besorgte die Finanzgeschäfte der Partei und sie organisierte die Unterstützung der Familien von weniger prominenten politisch verfolgten Sozialdemokraten.

„[…] dadurch dass ich seine Parteigeschäfte fortführen mußte […] bin ich in den Geist der Bewegung eingedrungen und heute mit ganzer Seele dabei.“
— In: Brief an Friedrich Engels, 13. Februar 1892

Clara Zetkin wurde am 05. Juli 1857 geboren. Seit 1872 lebte sie in Leipzig. Dort absolvierte sie am von Auguste Schmidt geleitete Steyberschen Institut ein Studium zur Fachlehrerin für moderne Sprachen. 1878 trat sie in die Sozialistische Arbeiterpartei (SAP) ein, 1900 wurde sie Mitglied im SPD-Parteivorstand und 1907 die Sekretärin des Internationalen Frauensekretariats der sozialistischen Arbeiterinternationale. Auf der Sozialistischen Frauenkonferenz in Kopenhagen 1910 stellte sie mit Käthe Dunker, einer ehemaligen Lehrerin des Steyberschen Instituts, den Antrag einen Internationalen Frauentag als Aktionstag für die Frauenrechte einzurichten.

Die Tradition lebt bis heute: Bei unserer Ankunft in der Leipziger Innenstadt setzte sich der Demonstrationszug in Bewegung — und wir rekapitulierten die Situation von Frauen in der Gesellschaft:

  • die Zwangsbekehrungen von Beginen zu Beginn der Reformation
  • den Freiheitskampf der bürgerlichen Frauen
  • und das Einbeziehen von größeren Gesellschaftskreisen durch ihr bildungspolitisches Engagement.

Zum Abschluss besuchten wir den ehemaligen Lebensmittelpunkt der Familie Bebel in der Peterstraße. Dort verlasen und diskutierten wir das Grußwort von August Bebel Warum verlangen die Frauen das Wahlrecht? zum Ersten Sozialdemokratischen Frauentag am 19. März 1911.

Wortwolke zu Bebels Grußwort zum *Ersten Sozialdemokratischen Frauentag* (1911). Erstellt mit [voyant tools](https://voyant-tools.org/?corpus=bc4101dd76de493d093dd7992d89f841&view=corpusset&stopList=stop.de.txt&input=https://www.deutschestextarchiv.de/book/download_unicruftxml/bebel_wahlrecht_1911)

Wortwolke zu Bebels Grußwort zum Ersten Sozialdemokratischen Frauentag (1911). Erstellt mit voyant tools

In der Weimarer Republik wurde das Frauenwahlrecht in Deutschland eingeführt — doch der Kampf um andere Rechte ging weiter, mit schlimmen Rückschritten unter den Nationalsozialisten. In Westeuropa erfolgte die vollständige Implementierung der von de Gounges eingeforderten Rechte dennoch erst in der vor 51 Jahren von der UN ausgerufenen Dekade der Frau (siehe dazu die Nachlese zu unserem Rundgang vom letzten Jahr). Ein Recht auf Kinderbetreuung gibt es erst (in Ostdeutschland wieder) seit kurzem, und bei der praktischen Umsetzung lässt sich noch vieles verbessern. International werden zur Zeit viele Rechte gar zurück genommen.

Wir danken Juliane Rudolph sehr herzlich für ihren Einsatz und die vielen tollen Erklärungen zur wissenschaftlichen Arbeit von Frauen — und den Teilnehmenden für das rege Interesse und den intensiven Austausch.

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